Absolutes Gehör - You got it?

Götter oder Genies - auch sie kochen nur mit Wasser. Oder mit Endolymphe, der Flüssigkeit des Gehörgangs. Lange Zeit war das Phänomen “absolutes Gehör” verschrien als eine nur wenigen vorenthaltene Begabung. Die Besitzer dieser “Gabe” konnten sich sogar herausnehmen, sich beim Hören eines anders gestimmten Klaviers zu mokieren (Handrücken gegen die Stirn!):„Ich kann das nicht mit anhören!” ohne dafür ausgelacht zu werden. Anstattdessen ernteten Sie Bewunderung oder Neid.
Man stelle sich folgende Situation vor: Sie nehmen im Urlaub einen Film auf, Ihre Familie, den Strand in Holland, die Berge (auch in Holland). Weil Sie diesen Film (und oder Ihre Familie) so sehr lieben, schauen Sie diesen Film mehrere hunderte Male an.
Danach besuchen Sie Ihren Freund und schauen mit ihm gemeinsam denselben Film an. Auf dessen Fernseher erscheint der ganze Film - im Vergleich zu Ihrem - allerdings mit einem leichten Grün- oder Blaustich. Was wäre nun bizzarer? Sie fallen in Ihren Sessel, bitten um ein Glas Wasser und röcheln: „Nein, so kann ich den Film wirklich nicht gucken.” oder die darauffolgende Reaktion Ihres Freundes, in der er sagt: „Wahnsinn, was für ein absolutes Sehvermögen du hast, das hätte ich auch gerne…” Beides erscheint zumindest kranksinnig.
Was ist absolutes Gehör eigentlich?
Absolutes Gehör ist die Fähigkeit, Töne beim Hören Ihrer Benennung zuzuordnen (also beim Hören der Note C diese als C zu erkennen). Stärker ausgebildete Besitzer absoluten Gehörs können sogar auf Kommando bestimmte Tonhöhen exakt reproduzieren (z.B. singen) oder die Abweichung einer Note von der Norm-Stimmung (z.B. 440Hz) in Cent (Hundertstel-Note) angeben. Nach neueren Erkenntnissen gibt es Abstufungen in der Ausprägung des absoluten Gehörs, im Allgemeinen wird aber die Fähigkeit des Benennens einer Note als absolutes Gehör bezeichnet.
Klugscheißer!
Farben sind Lichtfrequenzen, die für die meisten Menschen eindeutig zu unterscheiden sind. Blau ist blau, Gelb bleibt gelb, auch wenn es Schattierungen gibt! Töne sind Schallfrequenzen, die jeder normal hörende Mensch in Ihrer Tonhöhe unterscheiden kann. Andere Menschen würde man an einer eintönigen oder indifferenten Sprachmelodie erkennen. Wenn man also einer Farbfrequenz einen absoluten Namen zuordnen kann, warum also nicht auch Tönen? Kann man, tun wir aber nicht.
Deshalb haben wir also alle kein absolutes Gehör?
Neuere Sichtweisen und meine eigenen Erfahrungen und Befragungen von Musik-Kommillitonen mit absolutem Gehör bestätigen diese Annahmen - nämlich dass das absolute Gehör keineswegs in den Genen steckt, sondern eine erlernte bzw. gepflegte Fähigkeit ist. Nur ist es so, dass niemand über absolutes Gehör spricht - zumindest nicht hier in Europa.
In Asien dagegen, wo man vielerorts die so genannten “tonalen Sprachen” spricht (wie z.B. das in China gesprochene Mandarin), also Sprachen, in denen sich Worte - im Gegensatz zu unseren westlichen Sprachen - in ihrer Bedeutung wesentlich durch die benutzte Tonhöhe unterscheiden, tritt absolutes Gehör signifikant häufiger auf (siehe Bild).
Vergleich des absoluten Gehörs amerikanischer und chinesischer Musikstudenten (Diana Deutsch, 2004)

Das lässt den Schluss logisch erscheinen, dass Menschen, die häufiger bewusst mit Tonhöhen umgehen, eher absolutes Gehör entwickeln. Um so mehr drängt sich diese Schlussfolgerung auf, da Untersuchungen einen Unterschied des Hörapparates von Menschen mit absolutem Gehör gegenüber solchen ohne nicht nachweisen konnten.
Heißt dass, dass wir “Wessis” gar kein absolutes Tonempfinden haben? Nein! (bzw. Doch!) Nur lebt es bei uns im Unbewussten, weil wir ihm keinen Namen geben. „Visuellen Farben“ hingegen geben wir Namen.
Hättest Du doch auch vorher sagen können!
Wird das Kind am Strand von Nessie gefressen, kämpft sich dann aus dem Magen des Tieres heraus und bereitet der Familie das Monster zum abendlichen Barbeque, dann spricht niemand mehr über den Farbstich des Fernsehers. Der Fernseher mit Farbstich wird also in dem Maße unwichtiger, wie der Film spannend ist.
Genau so ist ein schön, oder spektakulär gespieltes Lied auf einem Klavier, dass einen Viertelton zu tief gestimmt ist, keineswegs nicht zu ertragen für jemanden mit absolutem Hören. Motzt er dennoch, will er sich nur wichtig machen.
Und was wenn der Sonnenuntergang plötzlich komplett in grün erscheint? Dann tut es mir leid für Sie, denn Ihr Fernseher ist kaputt. Oder aber der Klimawandel ist schon weiter fortgeschritten als wir alle denken.
Quellenangabe:
- Untersuchungen von Diana Deutsch, University of California, San Diego, aus den Jahren 1999 und 2004 zum Thema “absolutes Gehör”, denen ich auch die obige Statistik entnommen habe, können sie hier und hier finden.
- Header-Foto von Karsten Jipp, Quelle PHOTOCASE

3 Kommentare
Simon, Du hast Dich hier selber übertroffen.
Der Artikel ist an sich nicht schlecht, jedoch wird die Fähigkeit des “absolute Pitch” leider etwas schlecht dargestellt.
Es gibt wesentlich mehr faktoren für ein absolutes Gehör als die Notwendigkeit einer Bezeichnung.
Es gibt mehr Menschen, die bei zwei Tönen sagen können welcher denn nun tiefer gewesen ist, aber wenn sie dann auch noch mühelos ein C’ als ein solches identifizieren ist das schon eine Leistung.
Ich als Absoluthörer kann sagen, dass es tatsächlich grauenvoll ist einem verstimmten Instrument beim sich spielen lassen zuzuhören, weil es buchstäblich im Gehörgang wehtut.
Ich bin 16 Jahre alt und spiele nun seit 13 Jahren Klavier, seit 6 Jahren Cello und Gitarre seit 2 Jahren und dabei hat mir mein teilweise (unbewusst) antrainiertes als auch angeborenes Talent aktiven Absoluthöhrens sehr geholfen.
In dem Artikel werden auch, leider, nicht die Nachteile beziehungsweise Schwierigkeiten genannt, etwa die Probleme, die beim Transponieren entstehen.
Ansonsten aber recht anschaulich, danke.
Mir gefällt die Darstellung mit dem Fernseher sehr gut. Ich habe auch einmal Musik studiert
Faszinierend fand ich damals, wie viele koreanische Musikstudenten (mit absolutem Gehör und ebenso absoluten Melodiengedächtnis) auf grauenvollst verstimmten und eiernden Klavieren musizierten - ohne die Miene zu verziehen.
Später hab ich dann eine von den Koreanerinnen geehelicht und frage sie immer wieder zu ihrer mich faszinierenden Begabung aus. “Ist das Klavier nicht fürchterlich verstimmt?” “Ja vielleicht, ein bisschen… Aber kann man schon hören..”
Ich glaube die Bandbreite für die Tonerkennung ist größer als die Toleranz bei Zusammenklängen. Und auch da kann man mit Offenheit - die in mir heranreifte - letztendlich auch einen nicht üblich eingestimmten Akkord als eigenständiges ästhetisches Gebilde anerkennen.
Und eigentlich weist das Mokieren über unbekannte (beispielsweise verstimmte) Klänge eher auf wenig entwickelte Musik-Begeisterung hin - oder wie im Artikel erwähnt: Angeberei.